Western Standard Time ist ein Big Band Tribut an die Skatalites. Wir hatten die Gelegenheit mit Eitan Avineri zu sprechen, dem Trompeter aus Los Angeles, der sich dieses aufregende neue Projekt ausgedacht hat.
Rocking Steady!: Kannst du uns etwas über deinen musikalischen Hintergrund erzählen?
Eitan Avineri: Ich begann mit fünf Jahren Klavier zu spielen. Am Anfang hat mich meine Mutter unterrichtet. Als ich dann neun war, fing ich mit der Trompete an. Mit 12 habe ich Reggae entdeckt. Mein erstes Album war Bob Marleys Uprising und ich habe nur noch Reggae und Dancehall gehört. Auf der High School habe ich mich in Jazz verliebt und angefangen verschiedene Platten sehr intensiv zu hören. Als ich dann auf dem College war, spielten eines Tages Mobtown auf dem Campus. Ich war hin und weg von der Art Musik, die sie spielten. Ich fand sie cool, denn sie schienen alle meine Lieblingsmusik zu kombinieren. Bloß hatte ich keine Ahnung, was das war, also sprach ich die Band an und sagte ihnen: „Ich spiele Trompete. Bitte sagt mir Bescheid, wenn irgendeine Band, die diese Musik spielt, eine Trompete braucht.“ Zwei Wochen später rief mich der Chef der Allentons an, eine damals schon etablierte Trad Skaband aus East LA. Ich habe dann ungefähr vier Jahre bei der Band gespielt und zwei Alben aufgenommen. Einige der Songs, die ich für die Allentons geschrieben habe, spielen sie heute noch. Daneben habe ich live gespielt und Aufnahmen gemacht mit Joey Altruda (Jump with Joey/Crucial Riddims), Chris Murray Combo, Derrick Morgan, Phyllis Dillon, Eric „Monty“ Morris, Prince Buster, Owen Gray, Dennis Alcapone, The Aggrolites, Kingston 10, Mobtown, Imisi, Everton Blender, Voodoo Glow Skulls, Mighty Mighty Bosstones, Tim Armstrong (Rancid) und After Hours. Vor Western Standard Time war ich an zwei anderen Projekten beteiligt. Bei Full Spectrum, ursprünglich mit Brian Dixon and Korey Horn (Aggrolites), haben wir Ska mit starken Jazzanleihen gespielt und zwei Alben gemacht. Später habe ich dann eine Skatalites Tribute Band gegründet: The Kingston Ska Collective. Wir sind auf einigen größeren Festivals aufgetreten und waren die Backing Band für mehrere Ska und Reggae-Legenden.
Rocking Steady!: Woher kam die Idee für Western Standard Time?
Eitan Avineri: Ich saß im Tourbus auf dem Rückweg aus Las Vegas und hörte auf meinem iPod die Skatalites, als ich diese Erleuchtung hatte: Ich wollte diese Musik mit einem viel größeren, fetteren Bläsersatz hören, der aus den besten Musikern bestehen sollte, mit denen ich über die Jahre gespielt hatte. Ich dachte mir, „Stell dir vor, wie kraftvoll diese Musik erst klingen könnte, wenn sie von drei Mal so vielen Bläsern gespielt würde.“ Natürlich wollte ich nicht, dass alle einfach die gleichen Noten spielen. Das wäre sinnlos gewesen. Fette Akkorde und Arrangements mussten geschrieben werden, damit wirklich alle zur Geltung kommen.
Rocking Steady!: Warum die Skatalites? Was unterscheidet den Skatalites-Sound von anderen Aufnahmen aus der Zeit?
Eitan Avineri: Die Skatalites sind einfach die einflussreichste Band. Sie haben in den frühen 60ern diese Musik erfunden, haben jede Menge zeitlose Ohrwürmer geschrieben und arrangiert - angefangen von Lloyd Knibbs Erfindung des Ska-Rhythmus bis hin zu den genialen Songs, die Don Drummond geschrieben hat. Diese extrem einflussreiche Band muss von mehr Leuten gehört werden. Es ist wichtig, dass ihr Vermächtnis auch für kommende Generationen Bestand hat und ich habe das Gefühl, dass Western Standard Time dazu beitragen kann.
Rocking Steady!: Was assoziierst du ganz persönlich mit den Skatalites?
Eitan Avineri: Ich erinnere mich, wie ich 1998 in einem Flugzeug weit über Europa saß und Ska Ba hörte. Immer wenn ich diesen Song höre, werde ich daran zurückdenken.
Rocking Steady!: Warum hast du gerade diese zehn Stücke für das Album ausgesucht (und nicht andere)?
Eitan Avineri: Diese ersten Zehn habe ich ausgesucht, weil sie etwas bekannter sind und sie sich besonders gut für unsere ganz besondere Art der Instrumentierung arrangieren ließen. Zudem sind das ein paar von meinen eigenen Favoriten. Wir haben aber schon Pläne für weitere Neuarrangements.
Rocking Steady!: Kannst du uns etwas über den Aufnahmeprozess erzählen? War es nicht sehr schwierig, all diese Musiker zusammen zu trommeln?
Eitan Avineri: Ich habe mit etwa 50 Musikern gesprochen und Mailkontakt gehabt. Sobald sich die Sache rumgesprochen hatte, riefen die Leute im Dutzend bei mir an und fragten, ob sie dabei sein könnten. Am Ende waren wir 28 Musiker im Studio. Wir nahmen alle zehn Stücke an einem Tag auf und hatten neun Stunden für die eigentlichen Aufnahmen eingeplant. Einige Musiker verspäteten sich allerdings etwas wegen anderer Verpflichtungen, so dass der Tag mit ein paar Hindernissen begann. In den ersten zwei Stunden stellten wir die Mikrofonpegel ein, hingen ab und machten uns alle miteinander bekannt. Nach etwa zwei Stunden begannen wir mit den Aufnahmen, also blieben uns nur noch sieben Stunden. Nachdem wir erstmal angefangen hatten, war es ziemlich einfach. Wir haben im Vorfeld nie mit der ganzen Band proben können. Trotzdem sind die meisten Aufnahmen auf dem Album die ersten Takes ohne irgendwelche Overdubs. Den letzten Song haben wir zwei Minuten vor dem Ende unserer Studiozeit um 21 Uhr im Kasten gehabt. Es war ein magischer Tag!
Rocking Steady!: Bei einer Aufnahme habt ihr auch einen Sänger. Wer ist das?
Eitan Avineri: Korey Horns Vater singt In The Mood For Love. Er ist ein professioneller Jazzsänger und liebte es ins Studio zu kommen und den Song einzusingen. Ich kann mir auch gut vorstellen, Aufnahmen mit weiteren jamaikanischen oder Jazzsängern zu machen.
Rocking Steady!: Waren auch heutige Mitglieder der Skatalites beteiligt?
Eitan Avineri: Nathan Breedlove nahm ein Solo für das Album auf. Er hat mein Trompetenspiel über die Jahre sehr beeinflusst. Als ich die Skatalites das erste Mal sah, war er der Trompeter. Deshalb bin ich sehr stolz, dass er an Bord ist.
Rocking Steady!: Mal ganz platt gefragt: Warum interessiert es dich als Musiker heutzutage, Popmusik aus den 60ern zu spielen? Und denkst du, dass das Projekt auch Aufmerksamkeit jenseits der eingefleischten Skafans erregen wird?
Eitan Avineri: Die jamaikanische Popmusik der 60er hat seit jeher einen besonderen Platz in meinem Herzen gehabt. Ich hoffe, wir werden sowohl die Skaszene erreichen als auch solche Musikfans, die noch nie von dieser Musik gehört haben. Ich habe das Gefühl, die Skatalites haben nie die Anerkennung erfahren, die sie eigentlich verdienen, für ihren Beitrag zur zeitgenössischen Popmusik. Ich hoffe, unser demütiger Versuch, ihre Musik in dieser Form neu zu erschaffen, lenkt etwas Aufmerksamkeit auf ihre Leistung.
Rocking Steady!: Wird es eine Tour geben? Ist das überhaupt finanzierbar?
Eitan Avineri: Wir hoffen, in naher Zukunft auf Tour gehen zu können. Im Moment sprechen wir mit Promotern in Europa, Japan, Südamerika und Jamaika.
Rocking Steady!: In welchen Formaten wird das Album erscheinen?
Eitan Avineri: Es ist bereits als digitaler Download erschienen. Wir planen aber, es in Japan, Europa und Nordamerika auch als CD und auf Vinyl herauszubringen.
Rocking Steady!: Die Musiker auf dem Album stammen alle aus LA. Hat Los Angeles eine besonders lebendige Szene?
Eitan Avineri: Die Skaszene in LA blüht. Es gibt eine ganze Reihe von großartigen Bands. Zudem fanden in letzter Zeit mehrere Shows mit jamaikanischen Legenden statt, bei denen der Publikumszuspruch wirklich positiv war. Besonders im Echoplex gibt es immer wieder richtig tolle Konzerte, falls ihr mal in LA sein solltet.
Rocking Steady!: Vielen Dank für das Gespräch. Man kann nur hoffen, dass sich Promoter finden, die die Risikobereitschaft aufbringen, dieses Wahnsinnsprojekt auf Tour zu schicken. Das Album kann heruntergeladen werden unter: www.wstbigband.com. CD/ Vinyl in Kürze auf Simmerdown Records.
(Peter Clemm)